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Im Gespräch: Analyst Claus Vogt

„In 8 Jahren ist das Geld nur noch die Hälfte wert“

Claus Vogt sieht schwarz: Der Chefstratege der Quirin Bank , der ersten Honorarberaterbank in Deutschland, warnt vor steigender Inflation und dem nahen Börsencrash.

12. Mai 2010 

 

Als die Welt noch vor Alan Greenspan niederkniete, schrieb Claus Vogt 2004 eine wütende Abrechnung mit dem Präsidenten der amerikanischen Notenbank: „Das Greenspan-Dossier. Wie die US-Notenbank das Weltwährungssystem gefährdet“. 2009 legte er nach. „Die Inflationsfalle“ heißt sein aktuelles Buch (wiederum mit Koautor Roland Leuschel).

Im Hauptberuf arbeitet Vogt als Chefstratege der Quirin Bank, der von Karl Matthäus Schmidt gegründeten ersten Honorarberaterbank in Deutschland. Quirin finanziert sich nicht durch Provisionen, sondern durch die Gebühren der Kunden für die Beratung. Im Zuge der Finanzkrise gewann die Bank enorm an Kunden und verwaltet heute ein Vermögen im Wert von 1,6 Milliarden Euro.

Muss die griechische Tragödie die Privatanleger ängstigen?

Ja, schon deshalb, weil Griechenland nur der Vorbote dessen ist, was uns in Europa, Amerika und Japan bevorsteht. Alle Industrieländer haben dieselben Probleme: Schulden, Schulden, Schulden. Griechenland ist nur der Auslöser, um die eh schon verunsicherten Märkte durchzurütteln. Es braut sich was zusammen, davon künden die jüngsten Panikattacken.

Wo konkret sehen Sie Gefahr?

Zunächst am amerikanischen Immobilienmarkt, da rollt im Herbst die nächste Pleitewelle an.

 

Nach der Subprime-Krise droht Immobilienkrediten mit etwas besserer Bonität dasselbe Schicksal: In den wilden Jahren der Häusereuphorie wurden Kredite vergeben, die anfangs nur mit geringen Beträgen bedient werden. Nun nähert sich der Punkt, an dem die monatliche Zahlung steigt - und nach den Erfahrungen der letzten Jahre rechnen wir damit, dass 40 bis 50 Prozent dieser Kredite notleidend werden. Wenn ich recht behalte, erleben wir im Sommer den zweiten Akt der Hypothekenkrise.

Um welche Summen geht es dabei?

Da sind wir ganz schnell bei Abschreibungen von 300 bis 400 Milliarden Dollar für die Banken, dann geht alles von vorne los: neue Milliarden zur Bankenrettung, neue Milliarden für Konjunkturprogramme, noch mehr Staatsschulden. Ein Horror.

Was bedeutet das für die Börse? Wie tief sehen Sie die Kurse?

Der Markt kann sich problemlos halbieren, so überbewertet, wie die Aktien gerade sind. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt in Deutschland bei etwa 20, in Amerika bei 24 - in der Größenordnung wie vor dem Crash aus dem Jahr 1929.

Haben Sie gar kein Zutrauen in die Konzerne, die die Krise verdaut haben und wieder prächtig verdienen?

Der Aufschwung der Aktienmärkte der vergangenen 14 Monate war vor allem durch die immense Liquidität befeuert: Das viele Geld wollte angelegt werden. Jetzt wächst die Geldmenge in den Industrieländern nicht mehr, der Hausse geht folglich der Treibstoff aus. Zudem hat die starke Rally die Stimmung der Marktteilnehmer auf ein Rekordniveau getrieben.

Und die ausgelassene Stimmung ist für einen Pessimisten wie Sie das untrügliche Zeichen dafür, dass es bald kracht?

So ist es. Die überschießende Euphorie drückt sich durch weiche Faktoren wie harte Zahlen aus: Die amerikanischen Investmentfonds haben nur noch eine Cash-Quote von 3,5 Prozent; so niedrig war sie in der Geschichte genau einmal zuvor: im Sommer 2007. Sie wissen, was danach passiert ist.

Also nichts wie raus aus Aktien?

Nicht sofort, bis zum Sommer würde ich das Spiel noch mitmachen. Die überschüssige Liquidität kann die Aktien noch drei, vier Monate nach oben treiben, dann aber heißt es: schnell raus.

Dummerweise klingelt an der Börse niemand, bevor es nach unten geht.

Die jüngsten panikartigen Kurseinbrüche sind das klare Warnsignal, dass die Hausse endet. Das einzige Signal vor dem Absturz, auf das ich noch warte, ist die Markttechnik. Nur deswegen halten wir noch Aktien, reduzieren aber nach und nach die Risiken. Höchste Flexibilität ist jetzt gefragt: Wir müssen heutzutage sehr viel kurzfristiger denken, als wir es als konservative Anleger gerne möchten.

Der alte Kostolany-Satz gilt nicht mehr: Aktie kaufen, Schlaftablette nehmen und sich nach ein paar Jahren an den Gewinnen freuen?

Nein, vielleicht kehren diese seligen Zeiten eines Tages wieder zurück. Seit der Jahrtausendwende aber erleben wir eine dramatische Achterbahnfahrt an den Börsen.

Sollte der Privatanleger sich deshalb ganz verabschieden?

Nein. Wer ein Vermögen aufbauen will, muss sich am Produktivvermögen beteiligen, der braucht Aktien. Die Kunst ist es, die Baisse als Zuschauer zu erleben - darum geht es in den nächsten Wochen.

Was empfehlen Sie als Alternative? Anleihen?

Mit Bundesanleihen kann man vielleicht noch zwei bis drei Jahre ein wenig Geld verdienen. Das Gleiche gilt für Kapital-Lebensversicherungen, ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die danach noch ein befriedigendes Ergebnis erzielen, da sie ebenfalls stark in Staatsanleihen investiert sind. Mit steigenden Zinsen und aufkommender Inflation endet deren sensationelle Hausse, dann zählen Anleihen zu den Verlierern.

Noch ist von einer Inflation nichts zu sehen. Die Preise bleiben stabil - aller Schwarzmalerei zum Trotz.

Warten Sie ab. In zwei Jahren, mit dem zweiten Akt der Krise, wird sich das gewaltige Inflationspotential allmählich entfalten. Die Notenbanken haben ihre Bilanzsummen dramatisch erhöht.

Sie glauben nicht, dass es ihnen gelingt, das Geld wieder schonend einzusammeln?

Das halte ich für ausgeschlossen. Wer sollte die Rückkehr zu seriöser Geld- und Fiskalpolitik auch durchsetzen? Dagegen steht eine gewaltige Phalanx aus Zentralbankern, Politikern und sogar nobelpreisgekrönten Ökonomen wie Paul Krugman, die nur eines im Sinn haben: immer noch mehr Milliarden für immer noch mehr Rettungspakete.

In Ihrem düsteren Szenario frisst die Inflation das Geldvermögen der Sparer auf.

Ja, leider. In acht bis zehn Jahren ist unser Geld nur noch die Hälfte wert.

Das Gespräch führte Georg Meck.

Text: F.A.S.

Bildmaterial: Andreas Pein

 

 

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